Goya

Goya revisited

Jens Dummer formuliert Bilder und schafft Bildaphorismen, in denen Welterfahrung kulminiert.
Der 1958 in Hamburg geborene und in Jülich-Selgersdorf wohnende Zeichner und Graphiker, passt seine Technik den jeweiligen Bildideen an, die ihn umtreiben. Er ist ein wacher Erspäher von Bild- und Wortwitzen, die in launig daher kommender Drastik bildstark und markant Situationen, gesellschaftliche Gegebenheiten und individuelle Verhaltensspuren festhalten, offenbaren oder gar brandmarken. Leidenschaftlicher Erkundung der Welt folgt leidenschaftlicher Kommentar. Diese Mitteilungsfreude drängt sich unbändig und ungeduldig der Handbewegung auf. Heftigkeit und Spontaneität im Duktus paart sich in seinen Zeichnungen häufig mit einer rudimentierenden Beschränkungen auf die Kernaussage.

Seine hochformatige Zeichnungsfolge "Casting for Goya" lässt Jens Dummer mit einem Querformat beginnen. Mit der Analogie zwischen Guckkasten-Bühne und Fernsehgerät ist der Betrachter schon mitten drin im munteren Spiel der fahrig-fröhlichen Schar der Tanzwilligen des Titelblattes, die sich, der Bekleidung nach, vor zweihundert Jahren zum Affen machten und dem Betrachter dabei ebenso schonungslos ausgesetzt sind, wie die Bewertungsopfer heutiger Castingshows. Die angespannt drollige Lebendigkeit wirkt wie ertrotzte Heiterkeit, ein entfesseltes 18. Jahrhundert als Arena für einen Blick auf die Gegenwart. Was als Sinnenfreude, als im Rahmen der Aufklärung befreite Zügellosigkeit begonnen haben mag, schlug nicht erst heute in enthemmte Dämlichkeit und Gewalt um. Davon geben die sarkastisch mysteriösen Graphiken des spanischen Malers Francisco Goya y Lucientes (1746-1828) ein kunsthistorisch bedeutendes Zeugnis.

Jens Dummers Bezugspunkt für die Sichtung der Gegenwart sind Goyas ohne jeden Auftrag entstandenen graphischen Folgen der "Caprichos" und der "Disparates", in denen neben den allerdings weniger spielerischen "Desastres de la Guerra" die enttäuschte Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit in drastischen Bildern deutlich wird. Die 1799 nach sechs Jahren Vorarbeit erschienenen "Caprichos", die eine neue Mischung aus Radierung und Aquatinta-Technik nutzten, entwuchsen dem sich entladenden Widerspruch zwischen Goyas aufklärerischen Neigungen und seinem Leben als Hofmaler und erzeugten Entrüstung bei den von seiner Kritik Hauptbetroffenen innerhalb von Kirche und Staatsmacht, die in unverhüllt sarkastischer Anklage als borniert und brutal gegeißelt werden. Alle Exemplare, bis auf die 27 verkauften, erwarb samt Platten nach dem Verbot des Verkaufs der spanische König zur Entschärfung der Situation, da er Goya als Hofmaler trotz alledem schätzte und ihn vor Strafen schützen wollte. Im Ansatz der präzisen Beobachtung menschlichen Gebarens, den sowohl Francisco Goya, wie Jens Dummer mit nüchterner Drastik in dichten Situationsbildern auf die Stiftspitze treiben, findet sich Gleichklang der Intentionen, wobei Jens Dummer mit weniger Bitterkeit, eher mit ironisch gemilderter Lauterkeit zur Wiedergabe schreitet.

Gefälliges zeigen weder Goya noch Dummer. Die Geistesverwandtschaft, die hier von Dummer gestalterisch erkundet wurde, erweist sich gerade in der Unerbittlichkeit, mit der beide sich an der Welt reiben und ihrer Empörung graphischen Ausdruck geben. Gegen die klebrige Beharrungskraft der als dämonisch erlebten Phänomene vermochte Goya zumindest deren distanzierte Darstellung in grotesker überzeichnung zu setzen. Während Goya sich in zeitbedingten symbolistischen Anspielungen auf Volkskultur, religiöse Zeremonien und bestimmte Personen bezieht, aktualisiert Dummer die Phänomene und Anspielungen, die ihn beim Durchblättern eines Goya-Folianten auf Grund ihrer Analogie ansprangen. So leichthändig Dummer dabei seinen Doppeldeutigkeiten erst ermöglichenden Zeichenstil zur Umdeutung nutzt, so wenig leichtmütig ist die Themenwahl. Mit festem Druck, aber flüssiger Linie umreißt Dummer seine Figuren, fügt den Konturen wie zur Bekräftigung parallele Züge bei, wechselt als Stilmittel innerhalb eines Blattes zwischen schraffierten Partien, durch Einzelstriche sich verdrillenden Konturen und präzisen Linien. Gekonnt auch in der verzerrenden übersteigerung ist das allemal. Das Gespinst Linien, das den Figuren Schattierungen auferlegt, suggeriert zugleich einen Grad an Alterung und Geschichtlichkeit, der sich an Goyas Stil orientiert. Diese Wirkung wird unterstützt durch den eingegilbten Papieruntergrund.

Zwei Zyklen enthält der vorliegende Band. Der erste , "für Goya", lehnt sich nur im Duktus der goyaschen Gestaltwelt an, bleibt aber in der Zeichnung von tänzelnder Leichtigkeit, während Goyas Aquatintas in ihrer düsteren Dichte melancholische Schwere vermitteln. Das spielerische Verknüpfen, die lockere Stilübung findet sich hier gleichwohl. Schließlich handelt es sich ja auch um die sehr freie Form des Capriccios, einer Fingerübung der kombinatorischen Bild-Phantasie. Es waren ursprünglich "Launen" und "Schrullen", kleine Proben des Vorranges schweifender, jeder akademischen Regel enthobener Ideen, die diese kleine Form zu einer eigenen Gattung machten, die dann bei Goya eine sozialkritische Wendung bekamen.

Schon in Dummers erstem Blatt mit der herrschaftlichen Kleinfamilie wallt einen mürrisch autoritäre Innigkeit an, eine dicht gedrängte unterdrückungsumflorte Schutzgemeinschaft mit einer egoistischen Leere im Blick, die als charakterlicher Tenor in allen Figuren der folgenden Blätter wirksam ist. Die Augen als Spiegel der Seele haben für Dummer enormes Gewicht für die Bildaussage. Gepaart sind die Blicke oft mit einem melancholischen Anflug enttäuschter Hoffnungen, wie etwa bei der zitronös aufgebrezelten Mooshammerin, die sich mit grober Jungmädchenzierlichkeit einhüllt. Dummer entfaltet ein Panoptikum der Oberflächlichen, der Vordergründigen, der in Konventionen Erstarrten, die sich willig dem Erwartungsdruck angepasst haben, nicht ohne Wohlbehagen oder gierig sexuellem Taumel, und dadurch zu Sonderlingen werden, zu bedauernswerten Marionetten: Treusinnige Paare, mit den Zungen aneinander geschmiedete Lästermäuler, Fantasy-Szenarien entsprungene Fabelwesen, die sich, Literaten gleich, im Kaffeehaus in abgeschotteter Intelligenz verbrüdern, oder das in der surrealen Explosionszeichnungsmanier von Wilhelm Busch ausgeprägte, verwirrend verwirrte Milchmädchen, das in ihrer Rechnung ein X für ein U vormachen möchte. Das Prinzip des bildgebenden und bildbildenden Wortwitzes, das Dummer ungehemmt anwendet, verdeutlicht ein groteskes Blatt, in dem zwei ihr Süppchen kochen, indem Sie jemanden in die Suppe spucken, die sie selber auslöffeln müssen. Hinterlist trifft Hintersinn.

Die Doppeldeutigkeit der offenen Form verdeutlicht die "Goldhochzeit", in der zwei ältere Personen zunächst wie ein durch Jahre der Verbundenheit zusammenassimiliertes Gesicht erscheinen. Die Selbstgefälligkeit quotenstarker Talkmaster, die unbarmherzige Gier von Massenschlächtern, ein nur noch von Erinnerungen zehrender Don Juan vor erkalteter Bettstatt, die auch die Assoziation einer Grabstätte nahe legt, krakenhaft bedrängendes Mutterglück, zur lügenhaften Fratze entblößtes Siegerlächeln eines Vorstandsmanagers komplettieren die Strecke unangenehmer Zeitgenossen. Es sind bekannte Charaktere, Figuren, die oberflächlich der Lächerlichkeit preisgegeben scheinen, gealtert, vergänglich, gar böswillig und doch als eigenwillige Menschen spürbar bleiben. Entgleiste Biographien, unsympathische Enttäuschte, quotenfähig verheizbar. Brauchbar als Inventar goyascher Szenerien oder als Material für’s Schadenfreude-TV.
Die drei letzten Blätter verdichten sich zu eindringlich schmerzhaften Sinnbildern der Verletztheit. Die Autistin, die von den auf sie eindringenden Empfindungen gelähmt wird, der Tod, der sich als Vexierbild zweier sich Streitender ins Bild drängt, und schließlich Goyas düsterer Alterssitz im Hintergrund der sehnigen Fratze eines gealterten Verzweifelten, von keilförmig sein Hirn auftreibenden Gesichten gequält, dem der Munchsche Schrei im Hals stecken bleibt. Von bedrückender Eindringlichkeit und nachhaltiger als jede Gruselmaskerade.

Jens Dummer kopiert nicht. Er adaptiert den Stil Goyas und nutzt sein Bildmaterial als Assoziationshilfe für einen Blick auf die Gegenwart, so wie andere in der Tradition der Kunstgeschichte Landschaften, Modelle, Motive, Erzählungen oder Zufallsstrukturen als Keim für ihre künstlerische Arbeit genutzt haben. Heute, wo die Illusion einer genialen, autonom aus sich heraus geborenen Gestaltung noch zuweilen die Erwartungen an den Künstler prägt, bedarf die Nutzung dieser Tradition der Nachahmung und der Eingebettetheit in kulturelle überlieferung gelegentlich der Rechtfertigung. Jede ernsthafte Befassung mit dem Wesen der Kreativität erweist aber, dass die eigentliche schöpferische Kraft in der individuellen Kombinatorik von Techniken, Themen, Materialien, Farben und Gestaltungsmitteln liegt. So ist die Kopie ein legitimes Mittel der Aneignung von Kenntnissen und erst seit der Entwicklung des Urheberrechts und des Geniekultes im 19. Jahrhundert abgewertet. Aber wie gesagt, Jens Dummer kopiert nicht. Er findet Bilder und deutet sie um. Teils zitiert er Arrangements, teils befreit er sich von direkten Vorlagen. In jedem Falle aktualisiert er sie in schelmischer Unverhohlenheit. Sein Bildwitz paart sich dabei mit dem Wortspiel in roh anmutender, aber sensibel waidwunder Direktheit. Wie im Wortwitz, so spürt man auch im Zeichenstil diese Mischung aus Intensität und Einfühlsamkeit. Kontrolliert und mit Nachdruck hinterlassen Stift und Feder ihre dunklen Spuren auf den Blättern. Darin spürt man die Sicherheit der Handhabung und die gezügelte Impulsivität, die die Bildidee zu Papier bringen, ausarbeiten und abarbeiten will. Kein klinisches Gezirkel, kein nachträgliches Ziselieren, sondern mit brachialer Empfindsamkeit verdichteter Anspielungsreichtum. Darin gehen die Blätter über den Bildwitz und die Verzerrungsschematik einer Karikatur hinaus und berühren als Phänomen Allzumenschliches, auch Abgründiges, ohne mitleidlos zu werden.

Ein trotz des zitierten Umfeldes einsam, aber entschlossen wirkender Goya leitet den zweiten Zyklus dieses Bandes, "nach Goya", ein, der in dichter am Vorbild der "Caprichos" arbeitenden Abwandlungen mit der Stimmungslage spielt, die Goyas Vorlagen heute zu vermitteln vermögen. Als zweites Blatt erscheint bildfüllend ein todgeweihter Stierkopf, der aufbegehrende Zeichner vielleicht, der das berühmte Blatt 43 ("Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer") als eine Art Minotaurus umdeutet, ein Zwitterwesen zwischen Traum und Ratio. "Durchsetzen, nicht aussitzen" verkoppelt als eine Form des rezipierenden Spiels mit der Vorlage Bildassoziation, Titel und kalauernde Anpassung von Versatzstücken des Vorbildes an neue Schwerpunkte. Eine Frau stülpt sich bei Dummer einen durchgesessenen Stuhl wie einen Käfig über den Kopf, statt ihn wie bei Goya mit der Sitzfläche zu tragen. ähnlich aktualisiert Dummer durch Verschiebung Versatzstücke in anderen Vorlagen, indem nun ein erotogener Rockgitarrist dem Esel vorspielt, Goya der Sau den "Vorwurf" der Perlen macht, die verzückte Heilige sich den Gekreuzigten auf dem altargleich arrangierten Fernseher reinzieht.
Als letzte kapriziöse Variante der Auseinandersetzung mit Goyas Bildwelt interpretiert Dummer drei kopierte Vorlagen durch Ergänzungen um und kehrt damit der goyaschen Zwingburg der Düsternis den Rücken, gar das Hinterteil zu. Einer groben Ironie auf künstlerische Ergüsse fügt sich die Darstellung der Bedrängung durch geifernd ängstigende Gespenster an, denen das Mädchen bei Goya nicht entwischt. Jens Dummer aber deutet die Szene zu tänzerischer Leichtigkeit um, mit der man die Dämonen, dem Mädchen gleich, ignorieren kann.
Diese Leichtigkeit im formalen Analogiespiel vermittelt auch das letzte Blatt "non scolae, sed vitae", auf dem der Künstler im Selbstporträt, als Erstklässler mit der Schultüte, zaghaft eine bedrückende Flagellanten-Szenerie Goyas betritt, in der martialisch Verzückte mit weißen Tütenhüten vor Publikum Hand an sich legen. Schulferne Abgründe von brutaler Weltwirklichkeit, die am Horizont drohen. In der Koppelung von Schaulust und Selbstzerfleischung dieser religiösen Riten innerhalb einer Prozession schließt sich wieder der Kreis. Castingshows erweisen sich nur als demokratisch geläuterte Variante.

Jens Dummer findet sich mit den Formen menschlichen Gebarens nicht fatalistisch ab, sondern er weist ungeschminkt auf sie hin. Er beobachtet wach und konstatiert mit mildem Hintersinn. Soviel Widerstand muß sein. Und soviel Eigen-willigkeit ist auch zu spüren. Seine Widerständigkeit wächst auf eher heiterem Gemütsboden, den demokratischere Gefilde im 20. Jahrhundert bereitet haben. In diesem Band finden sich Blätter versammelt, die von ihrer Größe und ihrer Gestaltung ein Angebot für genießerische Betrachtung machen, die man gerne zu Zeiten wiederholen möchte, durchaus mit Gewinn. Kurz gesagt, diese Blätter haben in jeder Hinsicht Format.

Dr. Dirk Tölke